Mannheimer Autorin Astrid Arndt stellte ihr erstes Jugendbuch vor

Spannende Reise in die Vergangenheit

Endlich, sagt Astrid Arndt, könne sie einmal in einem richtigen „Backfisch-Aquarium" lesen. So nannte man früher ein Mädchengymnasium. In der Liebfrauenschule präsentierte die Autorin am Montag ihren ersten Jugendroman „Die gläserne Seite". Rund 70 Achtklässlerinnen erlebten in der Mediathek eine Reise, in der Realität und Fantasie, Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschwimmen.

Die Deutsch- und Musiklehrerin Birgit Kottmann-Michels hat als ehemalige Kommilitonin Arndts den Kontakt nach Bensheim ermöglicht. Kein weiter Weg, denn die Literaturwissenschaftlerin, Lehrbeauftragte (Uni Bielefeld) und klassische Sängerin lebt seit acht Jahren in Mannheim. Nach etlichen Veröffentlichungen etwa über Kafka, Kleist und Arno Schmidt wollte die gebürtige Münchnerin ihr beruflich umzäuntes Reich der wissenschaftlichen Prosa wenigstens einmal mit einem poetischen Text überspringen.

Historisch sauber recherchiert

Erfindern statt Erläutern, Belletristik statt Sekundärliteratur. So entstand die Idee zu diesem Erstlingswerk, das sie im Sommer dieses Jahres veröffentlich und in Heidelberg erstmals vorgestellt hat. Kein streng exklusives Jugendbuch, denn aufgrund seiner komplexen Erzählstruktur und eines anspruchsvollen, historisch sauber recherchierten Plots ist der über 400 Seiten starke Roman auch für ältere Leser ein spannendes Abenteuer. Aber eines, das Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert.

Die verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen, in denen die fein gezeichneten Protagonisten Jonas, Lea und Alex ständig hin- und herpendeln, mögen manchen an Dantes „Göttliche Komödie“ erinnern oder an die Irrfahrten in „Ulysses“. Denn Zeit und Raum sind relative Größen bei diesem bisweilen sogar philosophischen Trip durch ebenso mysteriöse wie vertraute Ober- und Unterwelten, in denen die Hauptdarsteller auch eine Menge über ihr Innenleben erfahren. Mitten im Zeitstrudel kollidieren die Teenager mit sich selbst und müssen dabei auch noch eine schwierige Kriminalgeschichte lösen.

Neben plastischen Bildern weist der Roman eine klare und schnörkellose Sprache auf, die – von der Autorin gelesen – nochmals an Kraft und Lebendigkeit gewinnt. Astrid Arndt ist unter anderem Sprecherzieherin und Opernsängerin. Mit akzentuierter Intonation haucht sie ihrem außergewöhnlichen Genre-Mix Leben ein. Man riecht die feuchte Kanalisation und hört den schweren Gully über den Asphalt kratzen, über den das jugendliche Trio seine Reise in die Tiefe beginnt. Es ist eine gläserne Seite in Jonas’ Lektüre, die ihm und seinen Freunden die Tür zu einer anderen Ebene öffnet.

Fünf Jahre am Buch gearbeitet

Warum ein Jugendbuch? Astrid Arndt, Jahrgang 1963, reizt ein Alter, in dem die „Entzauberung der Welt noch nicht allzu weit fortgeschritten“ ist, sagt sie gegenüber dieser Zeitung. In einer Phase, in der die Fantasie noch nicht gänzlich von der kühlen Vernunft verdrängt ist, sei man offener und empfänglicher für die Freiheiten der Unterhaltungsliteratur.

Fünf Jahre hat sie an dem Debüt gearbeitet, in dem sich die Grenzen von Vergangenheit und Traum immer weiter verwischen und den drei Helden ein gefährlicher Kontrollverlust droht. Auch das Publikum im Bensheimer „Backfisch-Aquarium“ brauchte einen Moment, um wieder in der schulischen Gegenwart anzukommen.