Freiheit und Einheit

Berlinfahrt des Politikleistungskurses der Liebfrauenschule Bensheim

In der 11. Jahrgangsstufe steht im Fach Politik und Wirtschaft das politische System der Bundesrepublik Deutschland auf dem Lehrplan. Mit dieser Thematik hat sich unser Leistungskurs Politik & Wirtschaft unter der Leitung von Frau Berg sehr intensiv auseinandergesetzt. Deshalb freuten wir Schülerinnen uns sehr, im Rahmen einer 4-tägigen Berlinfahrt Anfang Februar den politischen Alltag in der Hauptstadt einmal hautnah mitzuerleben.

Das absolute Highlight unserer Fahrt war freitagsmorgens der Besuch im Deutschen Bundestag, wo wir die Chance bekamen, eine Debatte über die doppelte Staatsbürgerschaft mit zu verfolgen, die auf einer Gesetzesinitiative der AfD basierte. Darin fordert die AfD die Wiedereinführung des Optionszwangs für in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern. Die Fraktion begründete ihre Forderung damit, dass man sich nicht als deutscher Staatsbürger fühlen und im vollen Maße am politischen Leben in Deutschland teilnehmen könne, wenn man nicht ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft besitze. Die doppelte Staatsbürgerschaft verleite laut AfD zu „Parallelgesellschaften“ und verhindere die Integration, da man „immer noch einen Rückfahrschein“ hätte. Mich persönlich hat die Emotionalität der Debatte überrascht. Die anderen Parteien äußerten sich zu verschiedenen inhaltlichen Facetten eines Optionszwangs und kritisierten ausnahmslos und vehement die völkischen Tendenzen im Wortlaut des Antrags und ließen die AfD ihre starke Empörung sehr deutlich spüren und. Die AfD reagierte darauf mit höhnischem Gelächter und lauten Buh-Rufen, ohne jedoch inhaltlich in irgendeiner Form auf die Gegenargumente der Parlamentarier einzugehen. Dies hat in meinen Augen nicht gerade ihre Professionalität unter Beweis gestellt. Nach diesem zweifelslos spannenden und zum Diskurs innerhalb unserer Gruppe anregenden Einblick wurde unser Besuch im Bundestag noch durch die Besichtigung der Reichstagskuppel abgerundet.

Danach folgte ein weiterer Höhepunkt unserer Reise: Dank Frau Bergs persönlichen Kontakten konnte sie für uns ein Treffen mit der Bundestagsabgeordneten Bettina Wiesmann arrangieren. Im persönlichen Gespräch mit ihr erfuhren wir viel Neues über den Arbeitsalltag eines Abgeordneten und wie sich der Bundestag am Beginn der Legislaturperiode organisiert. Mehr über die Arbeit im Hintergrund des Parlaments erfuhren wir am Nachmittag von einer Mitarbeiterin des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, die uns spannende Einblicke in ihren vielseitigen Beruf gewährte.

Durch sie kamen wir auch in den Genuss einer äußerst fachkundigen Führung durch das Regierungsviertel inklusive zahlreicher Ministerien, politischer Stiftungen, Lobbyverbänden und Botschaften. An diese schloss sich die Besichtigung einiger bekannter Sehenswürdigkeiten wie des Brandenburger Tors an, was insbesondere die Schülerinnen sehr freute, die zuvor noch nie in Berlin gewesen waren.

Am Wochenende widmeten wir uns schwerpunktmäßig dem Thema DDR. Samstags besichtigten wir die Gedenkstätte Hohenschönhausen, die die zentrale Untersuchungshaftanstalt der Stasi war, wo vor allem politische Gefangene inhaftiert und physisch sowie psychisch gefoltert wurden. Ich habe die Besichtigung nicht nur als sehr aufschlussreich, sondern auch als sehr berührend empfunden, da einem meiner Meinung nach direkt am Ort des Geschehens die schrecklichen Taten der kommunistischen Diktatur am eindrucksvollsten vor Augen geführt werden können.

Nachdem wir den Samstag danach in Kleingruppen mit einer privaten Erkundungstour durch Berlin verbracht hatten, schloss sich Sonntag der Besuch der Berliner Mauer und der Mauergedenkstätte an, was mich ebenfalls sehr beeindruckt hat. Für mich - 2001 geboren -gehört die Teilung Deutschlands schon immer der Geschichte an. Doch die Berliner Mauer ist ein Ort, der diese Geschichte wieder lebendig werden lässt und mir bewusst macht, dass ein geteiltes Deutschland noch gar nicht so lange der Vergangenheit angehört. Wir sollten die Freiheit und Einheit, die in Deutschland herrschen, unbedingt schätzen und mit allen Mitteln bewahren. Diese Gedanken verstärkten sich nochmals beim Besuch des „Tränenpalastes“, des ehemaligen Übergangsbahnhofes Friedrichstraße, der den Reiseverkehr zwischen Westberlin und der DDR abwickelte. Der im Volksmund etablierte Name Tränenpalast rührt daher, dass die Ausreise in den Westen meist mit tränenreichen Abschieden verbunden war. Denn es waren oftmals Abschiede ohne ein absehbares Wiedersehen. Mit unglaublich vielen Eindrücken erfüllt kehrten wir sonntagsabends nach Bensheim zurück und ich kann für uns alle sprechen, dass wir die Berlinfahrt als sehr bereichernde Reise in Erinnerung behalten werden.