In Erinnerung an die ehemalige Schülerin Katharina Katzenmaier, die am 24.04. ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte

Frauenlager Ravensbrück - Fünf Jahrzehnte nach Befreiung des KZ schilderte und zeichnete die Mannheimer Ordensfrau Theodolinde die erlebte Hölle

Als das Konzentrationslager Ravensbrück im April vor 70 Jahren befreit wird, findet die Rote Armee ausgemergelte Kranke. Schon Tage vorher hat die SS das größte Frauen-Lager geräumt. Zu dem berüchtigten Todesmarsch ist auch eine junge Seelsorgehelferin aus Heppenheim - Katharina Katzenmaier - getrieben worden. 50 Jahre später wird sie als Ordensfrau, die nun in Mannheim lebt und den Namen Theodolinde trägt, ihre tief eingegrabenen Erinnerungen niederschreiben: "Vom KZ ins Kloster".

Medizin studieren, Missionsärztin werden - davon träumt Katharina. Es kommt anders. Da die Mutter die fünf Kinder allein durchbringen muss, geht die Jugendliche 1937 vom Institut der Englischen Fräulein in Bensheim ab und nimmt im dortigen Krankenhaus eine Stelle an. Aufgewühlt von Erlebnissen am Sterbebett, entschließt sie sich zum Beruf der Seelsorgehelferin mit Religionsunterricht. Nach der Ausbildung kommt sie im Mai 1942 ins saarländische Püttlingen zur Bonifatius-Gemeinde. 14 Monate später wird die damals 25-Jährige verhaftet. Wegen "defätistischer Äußerungen". Von ihr unterrichtete Mädchen haben bei Gestapo-Befragungen erzählt, dass sie das Töten behinderter Menschen als Mord bezeichnet hat. Außerdem ist sie beim Herunterreißen von NSDAP-Plakaten beobachtet worden.

In ihren Erinnerungen schildert die spätere Ordensfrau, wie ein Gestapo-Mann im Juli 1943 in ihr Zimmer stürmt: "Ich sehe schon an Ihren Büchern Ihre staatsfeindliche Gesinnung. Hier stinkt alles nach Religion!" Katharina Katzenmaier steckt noch ihren Rosenkranz ein, den sie wie einen Schatz hüten wird. Weil sich Katharina weigert, von ihrer Weltanschauung abzurücken, wird sie nach dreimonatiger Einzelhaft in ein Zugabteil verfrachtet. Sie kennt das Ziel der Reise nicht: Ravensbrück in der Uckermark.

Dort sind seit 1939 vor allem Frauen verschiedener Nationalität interniert. Bis Ende des Krieges werden es über 130 000 Häftlinge sein, von denen Zehntausende ermordet werden oder an Hunger, Krankheiten, den Folgen medizinischer Experimente sterben. Die spätere Ordensschwester wird nie vergessen, wie sie 1943 in einer Oktobernacht mit Hunderten anderen Frauen vor das Tor getrieben und dahinter in die Zugangsbaracke geknüppelt wird. "Marsch, marsch! Lauf oder stirb!", brüllt es aus den Lautsprechern. Bereits internierte Bibelforscherinnen müssen den Neuankömmlingen, sobald diese nackt sind, die Haare vom Kopf scheren. Am nächsten Tag näht Katharina auf ihre grau-blau gestreifte KZ-Kutte ein rotes Stoffdreieck mit aufgedrucktem "D" - was sie als politische Gefangene aus Deutschland kennzeichnet. Außerdem bekommt sie die Häftlingsnummer 24295. Später wird sie schreiben: "Mein Name war damit ausgelöscht. Ab jetzt war ich nur noch eine Nummer und wurde in der ganzen Zeit im Lager nie mehr bei meinem Namen gerufen." Sie und die anderen hören nur noch kreischende Beschimpfungen wie: "Schweinebande, Mistviecher, Kanaillen, Judenpack, Gesindel..."

Katharina Katzenmaier begreift schnell den Zynismus der Torinschrift "Arbeit macht frei". Zum System des körperlichen wie seelischen Zugrunderichtens gehört auch sinnlose Arbeit. Beispielsweise müssen Insassinnen Felsbrocken hin und her schleppen. Als Katharina Katzenmaier nach Ravensbrück kommt, ist das Lager bereits in die Rüstungsindustrie eingebunden. Jenseits der sieben Meter hohen Zäune hat der Elektrokonzern Siemens & Halske Werkhallen errichtet. Im Herbst 1944 sind hier über 1500 weibliche Häftlinge eingesetzt. "Konnten die Frauen das Arbeitspensum nicht erfüllen, drohten empfindliche Strafen wie Nahrungsentzug, Strafestehen, Arrest, schlimmstenfalls der Strafbock", heißt es in ihren KZ-Erinnerungen. Zunächst muss Katzenmaier als "Verfügbare" Schienen verlegen, Kübel von der Küche zu den Baracken schleppen. Was von der dünnen Suppe auf dem Boden landet, wird gierig aufgeschlürft. "Manchmal haben wir eine Portion Suppe extra überschwappen lassen, um den Kindern, die verwahrlost herumliefen, etwas zukommen zu lassen." Allerdings darf dies keine Aufseherin mitkriegen, weil sonst Strafe droht. Als "Verfügbare" wird Katzenmeier auch zum Sumpftrockenlegen abkommandiert. Bei einem solchen Einsatz rückt eine Mitgefangene ein paar Schritte ab, um ihre Notdurft zu verrichten. "Da hetzte die Aufseherin Binz ihren Wachhund auf Hedwig, der ihr die Hände abriss ... Während der Hund für seine Leistung gelobt wurde, verblutete die Tschechin qualvoll vor unseren Augen."

Anfang 1944 schuftet die Heppenheimerin für die Rüstungsindustrie. Zunächst in einer Baukolonne für das Siemens-Zweigwerk. Als sie Listen für die Toten tippt, kann sie sich etwas von den Strapazen erholen, ehe sie ans Fließband mit Zwölf-Stunden-Schichten versetzt wird. Auf dem Rückweg ins Lager kommen die Frauen an Viehställen vorbei. "Wenn wir Glück hatten", wird sie später notieren, "war das Futter an die Schweine noch nicht ganz ausgegeben und wir füllten im Vorbeimarsch unsere Essschüssel mit dem guten Schweinefraß."

In der Siemens-Halle Nr. 6 arbeiten auch zwei jüdische Mädchen aus Mannheim, die Geschwister Stein. Die Neunjährige muss immer wieder eine Kupferplatte unter die Stanze schieben. Als der Kopf des erschöpften Kindes nach vorn fällt, haut die Maschine fünf Löcher in den Schädel. Dieser Anblick, und wie eine SS-Aufseherin das Mädchen vom Fließband reißt und es auf einen Wagen mit toten oder sterbenden Gefangenen wirft, wird Katzenmaier ein Leben lang verfolgen.

Mit Schikanen und Schmerz sollen Gegner des Naziregimes gebrochen werden. Dazu dient auch stundenlanges Appellstehen. Selbst bei klirrender Kälte. Oder auf spitzem Schotter - häufig barfuß. Gefürchtet sind nicht nur die Aufseherinnen, auch Ärzte und deren Medizinversuche, beispielsweise Einsetzen von Bakterien in Wunden. Auch Katharina Katzenmaier sieht "die armen polnischen Frauen, deren Beine aufgeschlitzt waren und die kaum noch im Lager gehen konnten". Zweimal wird der Seelsorgehelferin befohlen, beim Zahnarzt zu erscheinen. Und jedes Mal reißt dieser ihr zwei gesunde Zähne heraus. Ohne Narkose. Ohne Begründung. Katharina Katzenmaier erlebt aber auch eine Ärztin, die ihr bei einer bedrohlichen Wundrose mit einer Spritze hilft.

"Der Gedanke an den Tod wurde uns immer näher, wir sehnten uns fast nach ihm", wird die "Ravensbrückerin" in ihrem Buch festhalten. "Der Tod mein Freund" - diesen Titel trägt eine ihrer Zeichnungen, eine Hommage an jene, die Suizid einem Dahinvegetieren vorziehen. Jahre später wird die Ordensfrau zu der Erkenntnis kommen, dass seelisch vor allem jene durchhielten, die eine "weltanschauliche Bindung hatten und dadurch inneren Halt bei Gleichgesinnten fanden. Seien es Christinnen, Jüdinnen oder Kommunistinnen." Jene, die im Lager psychisch durchdrehen, werden in sumpfige Wasserteiche gesetzt. "Wir konnten ihr Schreien hören."

Beim Todesmarsch schafft es die 27-Jährige trotz "Durst, Brand und Fieber" nicht zusammenzubrechen. Beim Anrücken der Roten Armee versuchen sich SS-Leute in Sicherheit zu bringen. Katzenmaier erkennt den Lagerkommandanten - als Bauer verkleidet. Nach einer viermonatigen Odyssee, bei der sie zweimal nur knapp einer Vergewaltigung entgeht, erreicht sie ihre Familie in Heppenheim. Die Seelsorgehelferin hat überlebt - auch mit Hilfe ihres Glaubens. Aber schon bald merkt sie: "Die Zeit im KZ ist nicht spurlos an mir vorübergegangen." 1949 tritt sie in den Orden der Benediktinerinnen von der Heiligen Lioba ein.

Mannheimer Morgen, Donnerstag, 23.04.2015