Büchner als moderner Drahtseilakt

Abgestürzt ist niemand. Schon gar nicht diese außergewöhnliche Inszenierung: Georg Büchner als Drahtseilakt. Christian Wirmer haucht ,,Leonce und Lena" mit Scherenschnittfiguren auf zwei aufge-spannten Seilen frisches Leben ein. Kreativ, amüsant und gespickt mit dramaturgischen Überraschungen schafft es der Darmstädter Schauspieler, latente Melancholie, beißenden Spott und sprachliche Macht von Hessens berühmtesten Sohn in einem kleinen Theaterraum zu konzentrieren.

Ausdrucksloses Mienenspiel und physischer Minimalismus auf der einen,  virtuose Textsicherheit und sprachliche Energie auf der anderen Seite: Wirmer fusioniert regelrecht mit den Figuren, wechselt blitzschnell die Rollen und taucht als Stimme, Bühnenbildner und Dramaturg mit Fleisch und Blut in die Handlung ein.

Kraft und Konzentration

Ein szenischer Monolog voller Kraft, Konzentration und Leidenschaft, der jetzt in der Mediathek der Liebfrauenschule zu erleben war. Im Rahmen der Reihe ,,Literaturland Hessen" beteiligte sich die LFS mit einer speziellen Schulveranstaltung, die von den Zuschauerinnen der Q2 mit viel Applaus kommentiert wurde.

Prinzessin und Prinz als Blechfiguren im zweidimensionalen Scherenschnitt: Die Sprunghaftigkeit von Büchners Erzählweise kommt Wirmers theatralischem Gedankenspiel sehr entgegen. Der Schauspieler übernimmt sämtliche Rollen, jede einzelne spiegelt einen gescheiterten Versuch, dem Leben einen tieferen Sinn abzutrotzen.

Gar nicht allzu weit hinter ihrer Fassade offenbaren sich Sehnsüchte und Illusionen von überaus aktueller Qualität. Mit seinem amüsanten und wortgewaltigen Märchenspiel von 1863 protestierte Büchner gegen vorgefertigte Lebens- und Gesellschaftsentwürfe. Die Absurdität des Systems spiegelt sich in der absoluten Wettfremdheit der Mono- und Dialoge der adligen Protagonisten und ihres Fußvolks. Gleichzeitig wirkt das Lustspiel wie eine Parodie auf das damals übliche Komödienschema.

Farce über Kleinstaaterei

Büchner überwindet auch den dramaturgischen Zwang einer chronologischen Entwicklung der Geschichte, er präsentiert den Prozess als Verzahnung abrupt einsetzender Handlungskomponenten. Das Stück ist eine Farce über deutsche Kleinstaaterei, abgeschafften Adel und inhaltslose Hofschranzen. Durch die Puppen kann Wirmer diese Zustände wunderbar demonstrieren: Der Staatsrat macht den Bückling, gesichtslose Jubelbauern und devote Speichellecker schwimmen im aristokratischen Haifischbecken mit der Strömung oder gehen baden.

Auch das Seil wird zum Spielobjekt, am Schluss rutschen die Figuren den Abgrund entlang. Durch ein geschicktes Spiel mit Licht und Schatten werden die kleinen Figuren größer als sie sind. Wirmer ist Taktgeber, übernimmt Monologe und Dialoge und schenkt den Rollen außerdem mimische und gestische Qualitäten. Eine darstellerische Hochleistung, die eineinhalb Stunden lang enorm beeindruckt.

Worum geht es? Der melancholische Prinz Leonce vom Königreich Popo soll mit der ihm unbekannten Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi verbandelt werden. Er will jedoch weder heiraten noch König sein, denn jegliche Zwänge sind ihm zuwider.

Der lebensmüde Müßiggänger will den operettenhaften Fürstenhof hinter sich lassen. Er zählt lieber Sandkörner, sieht den Wolken hinterher oder sinniert über die Zusammenhänge von Leben und Langeweile. Auch die flotte Rosetta kann ihn nicht heißmachen. „Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal." Und auch Lena sträubt sich gegen die Zwangsheirat - beide machen sich unabhängig voneinander aus dem Staub Richtung Italien.

Unterwegs treffen und verlieben sie sich. Verkleidet wollen sie na Popo zurückkehren und heiraten -ohne zu wissen, mit wem sie sich eingelassen haben. Zur Hochzeit fallen die Masken und das Paar bemerkt den Betrug: Sie sind genau in dem Leben gelandet, dem sie entfliehen wollten. Ein bitteres Ende mit sterbenden Illusionen.

Christian Wirmer, der in Bensheim bereits mit seiner szenischen Fassung des ,,Lenz" für Aufsehen gesorgt hatte, bietet dem Publikum eine spannende Alternative zum konventionellen Theaterraum. Die Figuren sind Projektionsflächen für eine poetisch-süffige Form, in der Wirmer sowohl Kommentator, Narr und Puppenspieler ist.

Gemeinsam mit den Zuschauern erforscht der Schauspieler die Facetten des Stoffs. Das macht Spaß, öffnet neue Perspektiven und hilft dabei, den Büchner in seiner revolutionären Tiefe besser zu verstehen. Kein schnödes Puppentheater, sondern ein Experiment. Und ein auch schauspielerischer Drahtseilakt, bei dem Christian Wirmer in keiner Sekunde ins Straucheln gerät.

Flüstern, schreien, toben

Der freie Schauspieler mit früheren Engagements in Basel, Hannover und am Landestheater in Darmstadt traf die Essenz des Stücks und machte daraus eine One-Man-Show mit elfköpfigem Personal. Und man wird nicht allzu daneben liegen, wenn man annimmt, dass auch Büchner beim Schöpfungsprozess eine recht ähnliche Methodik angewandt haben muss.

Wirmer brüIlt, flüstert, schreit, rennt und tobt und sprengt immer wieder die Grenzen von Bühne und Publikum. Am Ende wird das Drahtseil zur schiefen Ebene, an der die Figuren in den Abgrund rutschen. Der Schauspieler erzählt nicht nur, er schafft Freiräume für Fantasie und Interpretation. Bisweilen meint man, ,,Leonce und Lena" zu ersten Mal zu begegnen. Eine theatralisch flirrende Kollision, die im Kopf bleibt.