Heimat to go: Ein Leben auf der Schiene

Leonie Müller war im Rahmen des Bensheimer Lesefestivals an der Liebfrauenschule zu Gast. Vor rund 80 Schülerinnen las sie aus ihrem Buch „Tausche Wohnung gegen Bahncard“.

Ganz Deutschland diskutiert über teuren Wohnraum, neue Heimat und moderne Mobilität. Leonie Müller hat bereits im Sommer 2015 einen pragmatischen Selbstversuch gestartet: Die Studentin lebte eineinhalb Jahre im Zug. Ihre Wohnung hat sie gegen eine Bahncard 100 getauscht. „Das war letztlich billiger als Miete und Semesterticket“, so die 26-jährige Bielefelder. Ums Geld ging es dabei aber nur am Rande.

Auslöser war ein Streit mit der Stuttgarter Vermieterin. Dann hat sie die Idee weiterentwickelt und eine Existenz in bewusster Wohnungslosigkeit gewählt, die letztlich auch zum Thema ihrer Bachelor-Arbeit im Fach Medienwissenschaft wurde, erzählt die junge Frau in der Bensheimer Liebfrauenschule, wo sie gestern Vormittag im Rahmen des 16. Lesefestivals zu Gast war.

Alltag und Abenteuer

Bereits auf den ersten Kilometern auf dem bundesdeutschen Schienennetz hat sie ihre Erlebnisse und Emotionen in einem Blog niedergeschrieben. Daraus wurde später das Buch „Tausche Wohnung gegen Bahncard“. Eine unterhaltsame Abhandlung über existenziellen Minimalismus, digitales Nomadentum und die Frage, wo man sich warum zu Hause fühlt.

Heimat ist für Leonie Müller eher ein Gefühl als eine geografische Verortung. Am meisten stört sie, dass der Begriff keinen Plural besitzt. Ihr Credo: „Überall wohnen, nirgendwo leben.“ In ihrem Experiment hat sie Alltag und Abenteuer unter einen Hut gebracht und das Konzept einer Art „Heimat to go“ in die Praxis umgesetzt. Heute ist sie hauptsächlich in Köln, Bielefeld, Berlin und – weiterhin – in der Bahn zu Hause, berichtet sie vor 80 Schülerinnen der elften Jahrgangsstufe, die der Sachbuch-Autorin interessiert auf ihrem Weg gefolgt sind.

Jahresticket für 4100 Euro

Die Lesefestival-Organisatorin Jeanette Giese begrüßte eine moderne Reisende mit 40-Liter-Rucksack, die das Pendeln zur Lebensform gemacht hat. Der Weg zur Uni Tübingen, wo sie ihren Bachelor in Kommunikations- und Medienwissenschaft gemacht hat, war gleichermaßen auch das Ziel ihres zunächst befristeten Daseins, das sich im Verlauf der Reise aber als echte Alternative herausgestellt hat. Immer auf Achse, Mobilität als Inspiration. Zugverspätungen als willkommener Zeit-Snack, als Mini-Urlaub im Alltag.

Leonie Müller genoss und genießt das Leben in vollen Zügen. Als „Rabatt auf den Ernst des Lebens“ sieht sie ihren Selbstversuch, bei dem sie von Mai 2015 bis Oktober 2016 mit dem Zug quer durch Deutschland gereist ist – ohne gültigen Mietvertrag, aber im Besitz einer pauschalen Bahncard. Das Jahresticket kostet einmalig knapp 4100 Euro. Auf den Monat gerechnet war das weniger als die Gesamtkosten für das WG-Zimmer und die tägliche Tour in den Hörsaal.

Unterwegs hat sie das Reisen mit leichtem Gepäck zum Prinzip erhoben. „Was braucht man schon wirklich?“ Das meiste sei Ballast, Wohlstandmüll und angesammelter Plunder. Auf dem Gepäckbuckel hatte sie einen Laptop, einen Kopfhörer und ein paar Klamotten. Mehr brauchte sie nicht. Das hatte sie schon auf ihrer Weltreise erfahren, die sie binnen neun Monate bis nach Neuseeland, Hawaii und auf die Fidschi-Inseln geführt hatte. Danach hat sie das Unterwegssein zum Lebensinhalt gemacht. Man kann es obdachlos nennen. Oder Freiheit. Leonie Müller benutzt beide Wörter.

Das einzige, was sie bisweilen vermisst habe, sei ein Stück Privatsphäre gewesen. Dann wurden die Kopfhörer zum Abschirmen der Außenwelt genutzt. Auch Haarewaschen im Zug sei nicht das Nonplusultra der Körperpflege. Gegessen wurde am Bahnhof oder bei Freunden in ganz Deutschland. Leonie Müller hat ein weit verzweigtes Netz an Angehörigen, Kommilitonen und Bekannten, die ihr ein Sofa oder Gästebett für die Nacht reserviert hatten. Häufig war sie bei der Mutter in Berlin oder bei der Oma in Bielefeld. Ab und zu schlief sie auch im Zug. Die Post flatterte digitalisiert per Mail auf den Laptop. Die tägliche Route ergab sich von selbst: Regelmäßige Stopps an der Hochschule wurden von Ausflügen ausgarniert.

Kein klassischer Reisebericht

Ihr Buch liest sich nicht wie ein klassischer Reisebericht. Tagebuchartig geschrieben, werden die bereisten Ecken zwar kurz vorgestellt, doch im Zentrum stehen viele persönliche Gedanken zu gesellschaftlichen Themen der Zeit. Plastisch beschreibt sie das Warten auf Bahnhöfen, Gespräche mit anderen Reisenden und das Organisieren von alltäglichen Kleinigkeiten, das bei chronischer Mobilität meistens schwieriger ist als im Falle konservativer Sesshaftigkeit. Rund 2000 Kilometer die Woche hat sie auf der Schiene verbracht.

Heute arbeitet sie an ihrem Master-Abschluss. Danach würde sie gerne wieder reisen. Aber was heißt wieder? Einfach immer weiter reisen. Die Zielgerade ist für Leonie Müller ein unendliches Gleis in Richtung Zukunft. Mit Kurven und Brücken, aber immer ohne Endstation.

BA, 28.09.2018