Lesefestival Ijoma Mangold holte seine Lesung vor 120 Gästen im Forum der Liebfrauenschule nach

Hochdeutsch dient als Identitätsnachweis

Wenn ein prominenter Literaturkritiker ein Buch schreibt, dann schauen die Kollegen ganz genau hin. Im Falle von Ijoma Mangold gab es wenig auszusetzen: Die frühe Autobiografie des „Zeit“-Literaturchefs ist weitaus mehr als bloße Retrospektive oder kritische Halbzeitbilanz. In seinem Buch „Das deutsche Krokodil“ verbindet Mangold seine persönliche Bildungsgeschichte – deutsche Mutter, nigerianischer Vater – mit einem lebendigen Gesellschaftsporträt seiner prägenden Jahrzehnte in den 1970er und 80er Jahren.

Mehr als 120 Gäste kamen am Montag in die Liebfrauenschule, um das verzögerte Finale des Bensheimer Lesefestivals zu genießen. Die Lesung im September war wegen Krankheit ausgefallen. Und ein Genuss war es auch, was die Veranstalter im Forum der Schule inszeniert haben: eine musikalisch umrahmte und für den Autor sehr individuell komponierte Sondervorstellung.

Charismatisch und charmant

In Bensheim erwies sich Mangold als charismatischer Intellektueller und charmanter Erzähler. Der 47-Jährige ist in Dossenheim bei Heidelberg aufgewachsen, seine zweite Familie aus Afrika hat er erst als 22-Jähriger kennengelernt. Ein Culture-Clash, aber auch eine erneute Identitätsfindung des jungen Mannes, der aufgrund seines Aussehens und Vornamens seine Person stetig erklären und begründen musste.

Es ist die plastische und pointierte Art, wie der Autor aus seiner Kindheit und Jugend berichtet, die den Leser (oder Hörer) einnimmt und neue Perspektiven öffnet. Dabei rutscht Mangold niemals in einen anklagenden oder gar verbitterten Ton ab. Einen offenen Rassismus oder soziale Zurückweisungen habe er nie empfunden.

Das Buch ist eine chronologische Nacherzählung, aber auch eine psychologische Aufarbeitung aus analysierenden Kapiteln und süffigen Mini-Essays, die das „Krokodil“ vor dem Abrutschen in triviale dramaturgische Langeweile bewahren. Der „Junge“, wie er sich selbst im ersten Kapitel in der dritten Person beobachtet, weiß um seine Exotik und kennt die Hintergründe dieses kleinen Krokodils aus Ebenholz, das auf dem Fenstersims im Wohnzimmer kauert, um ihn immer wieder daran zu erinnern, dass dieser Haushalt eine spezielle Verbindung zu Afrika pflegt.

Der Autor schildert diese Zeit als spannende Kollision von Rasse und Klasse, Kulturen und Mentalitäten, ohne in einen bewertenden Ton zu gleiten oder gar eine moralisierende Weltverbesserer-Attitüde einzunehmen. Die Unterschiede in den familiären Strukturen und Denkweisen beschreibt er als Aufeinandertreffen eines sozialen Prinzips der Wahlverwandtschaften und einer Dominanz von Blut, Bindung und Genealogie, die er als Epos beschreibt.

So habe ihn der späte Besuch des Vaters, ein angesehener Mediziner und Krankenhauschef, zunächst aus heiterem Himmel getroffen – und insofern auch verwundert, weil der anderweitig sozialisierte Sohn vom Erzeuger sofort als eine Art Thronfolger und dynastischer Erbe umarmt wurde. Auch für die Schwestern gab es kein Beschnuppern. „Ich gehörte zur Familie, das wurde zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt.“ Blut könne sehr dick sein, das habe er damals brutalstmöglich erfahren.

Das Zuhören protzt vor Kurzweil. Ijoma Mangold erzählt lebendig und farbenfroh. Von seinem Aufenthalt in Lagos, vom Besuch im Dorf des Vaters und von seinen Mühen, sich weder taufen, verheiraten noch sonst wie vereinnahmen zu lassen. Und wie herausfordernd es für ihn als Bildungsbürger war, sich in diesem Kontext aus Gebräuchen und Ritualen zurechtzufinden. Den Plan des Vaters, den nach dem Tod zweier jüngerer Söhne nun einzigen Stammhalter als seinen Nachfolger zu installieren, als Häuptling des Dorfes und als Verwalter seines Lebenswerks, eines Krankenhauses, sitzt Mangold mit der in der Kindheit eingeübten Passivität und der Verweigerung weiterer Nigeria-Besuche aus. Bis der Vater nach elf Jahren sein beharrliches Werben ohne Klage aufgibt.

Es ist schön zu erleben, mit welcher Offenheit und politischen Inkorrektheit der Autor sein Leben ausbreitet, wie einschneidend für ihn der Tod der Mutter im Jahre 2010 gewesen war und – mit die besten Passagen – wie behutsam er die neue kulturelle Hemisphäre erforscht, ohne seinen eigenen Kosmos jemals zu verlassen.

Wunderbar, wie Mangold mit dem Thema Identität und Herkunft spielt, wie er seine Rolle in einer ethnisch heterogenen Familie unaufgeregt annimmt, ohne selbige in irgendeiner Weise zu glorifizieren. „Mich interessiert die Soziologie einer Gesellschaft“, sagt er in Bensheim.

„Der Rosenkavalier“ im Urwald

Amüsant und ironisch ist, wie der Autor jeder Form von Psychoanalyse ablehnend gegenübersteht (die Mutter war Therapeutin), aber trotz seiner Skepsis gegenüber den freudlosen Freudianern letztlich nichts anderes unternimmt, als sich selbst zu analysieren. Wie er sein gestochenes, druckreifes Hochdeutsch gleichsam als Identitätsnachweis versteht in Abgrenzung an optische Verweise, die ihm immer ein Gräuel waren.

Ijoma Mangold versteht den Mensch als Schmelztiegel seiner Bildung, Sprache und Sozialisierung – gleich, in welcher Nationalität er von einem Pass abgestempelt wird. Mangold schildert die Auseinandersetzung mit seiner Lebenssituation als Grundlage für seinen Erfolg – nämlich den, ein kritisch denkender und an deutscher Kultur interessierter Mensch zu werden. Und vor allem auch ein Mensch, der seine Identität weniger über seine Hautfarbe definiert, sondern über die kulturelle Prägung. Einmal singt er mitten im Urwald eine Arie aus dem „Rosenkavalier“.

Auch bei der Lesung wurde gesungen. Bariton Volker Schrewe intonierte eine Passage aus Richard Wagners „Meistersinger“ („Wahn! Überall Wahn!“). Ein eigens aus Dossenheim gecharterter Chor sang das Dossenheim-Lied: „Wie schön bist du, mein Dossenheim, vom Neckar bis zum Weißen Stein.“ Schön war in diesem Moment auch der Gesichtsausdruck des Autors. Damit hatte er keinesfalls gerechnet.