LFS Schülerin beim Landesentscheid des Vorlesewettbewerbs

Ich war dabei

Schon die vierte Runde hatte Franziska Müller von der Liebfrauenschule erreicht, als sie am 22. Mai zum Wettbewerb der besten VorleserInnen aus den 6. Klassen der hessischen Schulen antrat. Sie hatte also schon Übung im Verfahren, ein selbst ausgewähltes Buch kurz vorzustellen, anschließend drei Minuten daraus vorzulesen und dann in der zweiten Runde einen fremden Text vorzutragen. Auf dieser Ebene geht es manchmal um Nuancen. Bewertet werden Lesetechnik und Interpretation. Versprecher werden übrigens nicht bewertet und engagiertes Vorlesen heißt hier nicht Schauspielerei.

Die Fans aus Bensheim besetzten eine ganze Reihe im Saal. Schließlich ist der Erfolg, bis hier her gekommen zu sein, auch eine Teamleistung von Mut machenden Eltern, Tipps gebenden Buchhändlern, Bibliothekarinnen, Lesescouts und unterstützenden Schulen. Im Klassenentscheid über Schulentscheid, Kreis und Bezirksebene  brachten die Vorleser neben dem Talent und professioneller Vorbereitung auch die zunehmende Übung mit, selbst im Stress das Beste geben zu können und die stets wachsende Aufregung im Zaum zu halten.

Die ausgewählten Bücher handelten von Geheimnissen und Alpträumen, Begegnungen mit Panthern und sprechenden Computern, Angst vor Verrat und Einsamkeit. Und mehr als einmal bekam das Publikum Herzklopfen, feuchte Hände oder Gänsehaut. Die bekam es ganz sicher bei dem Textausschnitt, den die Bensheimer Schülerin  zum Besten gab.  Franziska hatte sich das Buch „Über die Berge und über das Meer“ von Dirk Reinhardt ausgesucht -  eine Geschichte über ein  Mädchen  aus einem Dorf in den afghanischen Bergen, das als siebte Tochter einem alten Brauch zufolge als Junge aufgewachsen ist und sich frei bewegen und die Schule besuchen durfte. Inzwischen hat sie das Alter erreicht, indem sie als Mädchen leben sollte und wird enttarnt …  Mehr wird hier nicht verraten.

In der Fachliteratur spricht man viel von der Wirkung des Vorlesens  auf Fantasie und Vorstellungskraft. Eben das konnte man an den Gesichtern ablesen, wenn man ins Publikum schaute. Ein „Tatort“ konnte nicht spannender sein. Selbst als in der zweiten Runde ein und derselbe Textausschnitt – aus Gründen der Fairness und Vergleichbarkeit – achtmal vorgelesen wurde, blieb es spannend. Jede Vorleserin und jeder Vorleser legte in seinen Vortrag so viel Persönliches und Persönlichkeit hinein, dass einem vor Bewunderung oder Erwartung der Atem stockte. Aus der Sicht eines hochbegabten Mädchens wurde geschildert, wie sie eine ziemlich seltsame Schwimmbadbekanntschaft zum Essen nach Hause einlädt  - die zu erwartenden Peinlichkeiten glaubt man voraus zu ahnen . Die Jury, bestehend aus Vertretern aus Rundfunk und Literatur, einem Schauspieler und der Vorjahressiegerin, hatte es wahrhaftig nicht leicht. Siegerin wurde Tamina Fohrmann aus Kassel, die nun zum Bundesentscheid nach Berlin fahren darf. Moderiert wurde die Veranstaltung von Dr. Isabelle Drexler, Verantwortliche für Unternehmenskommunikation  der Sparda Bank, die mit großer Empathie die Teilnehmer begleitete, zwischen den Teilen sogar Lippen und Zungen-Lockerungsübungen, Klatschrhythmen als Konzentrationshilfe einschaltete - allen Teilnehmern wurde der gebührende Beifall gezollt und am Schluss gar mehrmals kräftig mit den Füßen getrommelt. Daneben gab es auch etwas fürs Auge und die Teilnehmer und Zuhörer konnten im schönen Saal der Sparda-Bank hoch oben  durch hohe Fenster und von der Terrasse den Ausblick auf die Skyline von Frankfurt genießen.

Seit 60 Jahren gibt es den Vorlesewettbewerb nun schon. Er gehört zu den wichtigsten Schülerwettbewerben und ist Deutschlands größter Lesewettstreit. Er wird vom Börsenverein des Buchhandels veranstaltet und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.

Die Liebfrauenschule ist stolz auf die phantastische Leistung von Franziska. Die Mitschülerinnen sehen: Mit viel Talent und guter Vorbereitung kann man Großes erreichen.

Die Begeisterung für das Lesen hat sich jetzt schon als ansteckend erwiesen. Viele Mitschülerinnen nahmen die neuesten Lesetipps auch als Anregung für eigene Leseerkundungen  und die 5er als Ansporn für den Wettbewerb nächstes Jahr …