Sanitärraum wird zum Forschungslabor

Freies naturwissenschaftliches Experimentieren ist jetzt auch außerhalb der Schulzeit möglich

Vorher ein ungenutzter Sanitärraum, jetzt ein lebendiges Schülerinnenlabor: Mit dem Projekt im Untergeschoss hat sich die Liebfrauenschule einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Jetzt wurde die Nische für junge Naturwissenschaftlerinnen offiziell eingeweiht. „Ein niederschwelliges Angebot zum eigenständigen Experimentieren“, so Schulleiterin Sabine Nellessen-Kohl.

Im Gegensatz zu den Fachräumen ist für ältere Schülerinnen im Labor auch ein projektorientiertes Arbeiten ohne pädagogische Aufsicht möglich. Die Direktorin sprach am Dienstag von einer neuen Facette in der MINT-Ausrichtung der Schule. Die Förderung in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften ist ein Schwerpunkt im Privatgymnasium für Mädchen.

Da junge Frauen in diesem Spektrum traditionell immer noch unterrepräsentiert sind, komme dieser Förderung an der LFS eine besondere Bedeutung und Verantwortung zu, sagt Lehrer und Initiator Nicolas Chalwatzis. Die LFS wurde zuletzt vor zwei Jahren als „MINT-freundliche Schule“ zertifiziert. Die Ehrung gilt jeweils für die Dauer von drei Jahren. Die Auszeichnung konnte seit 2013 inzwischen zweimal bestätigt werden.

Weit mehr als Regelunterricht

Die bestehenden Angebote der Schule gehen seit Jahren weit über den Regelunterricht hinaus. So besuchen regelmäßig Klassen und Kurse die Schülerlabore der BASF. Auch Kontakte zu weiteren Firmen wie Sanner in Auerbach oder der Brain AG in Zwingenberg stehen auf dem Programm.

Weiterhin werden jährlich Schülerinnen zur Teilnahme an Wettbewerben wie „Jugend forscht“ oder der internationalen Chemie- und Biologieolympiade ermutigt und dabei intensiv unterstützt. Seit 2011 haben jedes Jahr mehrere Teams der Liebfrauenschule am Regionalwettbewerb „Jugend forscht“ teilgenommen und dabei regelmäßig Platzierungen errungen (wir haben berichtet).

Darüber hinaus konnten sich 2011, 2012 und 2014 auch Teams für den Landeswettbewerb qualifizieren. Im Regionalwettbewerb 2015 nahmen sechs Teams der LFS teil und erzielten vier Platzierungen und drei Sonderpreise. Für die zahlreichen und qualitativ hochwertigen Arbeiten erhielt die Liebfrauenschule bereits 2013 den mit 1000 Euro dotierten „Jugend forscht“-Schulpreis. Ein besonderes Wettbewerbsprojekt zur Stromerzeugung wurde in Kooperation mit der Firma HTV direkt vor Ort in Bensheim durchgeführt. Darüber hinaus werden beste Schülerinnen der Oberstufe zur Teilnahme an den Erfinderlaboren des Zentrums für Chemie vorgeschlagen.

Käfer, Schlangen, Spinnen

Seit dem Schuljahr 2014/15 existiert das Schulvivarium, das seither ständig erweitert wird. Derzeit werden Schlangen, Geckos, eine Schildkröte, Fische, Krebse, Spinnen, Gespenstschrecken, Schaben, Käfer und Schnecken in der Schule gehalten. Die Haltung von Tieren aus verschiedenen Tierstämmen in der Schule, die von Schülerinnen versorgt werden, eröffnet hierbei einen besonders attraktiven Zugang zu den Naturwissenschaften über die Faszination lebender Organismen.

Das Schülerinnenlabor führt die naturwissenschaftliche Ausrichtung nun konsequent fort. Damit sollen die Möglichkeiten für Forschungsprojekte der Schülerinnen deutlich erweitert werden, betont Chalwatzis. Im Gegensatz zu den vorhandenen Fachräumen, in denen vorrangig der Regelunterricht stattfindet, können in einem Schülerlabor Versuche auch über mehrere Tage aufgebaut bleiben und müssen nicht am Ende jeder AG-Stunde unterbrochen werden.

In Freistunden nutzen

Da dieses Labor ausschließlich für Schülerprojekte vorgesehen ist, steht der Raum ständig zur Verfügung, so dass Schülerinnen auch Freistunden für ihre Projekte nutzen können. Dies gilt insbesondere für Jugendliche der Oberstufe, die auch unbeaufsichtigt dort arbeiten können, sofern dies unter Sicherheitsaspekten möglich ist.

Aufgrund der bereits laufenden AGs und Wettbewerbsteilnahmen werde das Labor von Anfang an intensiv genutzt, heißt es. Das Angebot soll weitere Schülerinnen für ein Engagement in den Naturwissenschaften begeistern. Dafür soll eine Reihe von Experimenten vorbereitet werden, die einen spielerischen Zugang zu verschiedenen Themen ermöglichen und zur vertiefenden Beschäftigung anregen sollen.

Doch im Vordergrund stehen die Freude und der Spaß an MINT-Themen und der Anspruch, Schülerinnen eine generell aufgeschlossenere, positivere Einstellung gegenüber den Naturwissenschaften – über den schulischen Lernstoff hinaus – dauerhaft zu eröffnen. Bei der Einweihung haben Jungforscherinnen die DNA von Kiwifrüchten isoliert. Sah aus wie ein grüner Smoothie, war aber ernste Wissenschaft.

Soroptimisten spenden Mikroskop

Um den individuellen Bedürfnissen besonders begabter Schülerinnen gerecht zu werden, bietet das neue Labor der Liebfrauenschule vertiefende Angebote zu Unterrichtsinhalten, aber vor allem auch eine Behandlung von Themen, die über den Lernstoff des Curriculums hinausgehen oder darin gar nicht enthalten sind.

Diese Maßnahme ist besonders für leistungsstarke und interessierte Kinder geeignet, die sich im normalen MINT-Fachunterricht zwar wohl fühlen, aber gerne darüber hinaus ihren speziellen Interessen nachgehen möchten. Ihnen bietet das Arbeiten im Schülerlabor mehr Zeiträume und eine gute Infrastruktur zum freien Forschen. „Die Möglichkeiten im Rahmen eines Schülerlabors erlauben so eine den Bedürfnissen besonders begabter Schülerinnen entsprechenden, intensive Auseinandersetzung mit bestimmten Themengebieten und Fragestellungen und tragen damit erheblich zu deren Forderung und Förderung bei“, so der Fachlehrer.

Neben der pädagogischen Förderung spiele dabei aber die Persönlichkeits- und Charakterbildung eine große Rolle: Schülerinnen könnten individuell an neuen Herausforderungen wachsen, betreut von einer ausreichenden Anzahl motivierter Lehrkräfte aus allen MINT-Fächern.

Begleitet wird das neue Labor von der Stiftung der LFS, am Dienstag vertreten durch Ernst-Ludwig Drayß. Er betonte, dass man die Einrichtung weiter nach Kräften unterstützen werde.Auch der Förderverein der Liebfrauenschule hilft mit. Sabine Nellessen-Kohl sagte, dass die Ausstattung des Raums nun schrittweise ergänzt und vervollständigt werden soll.

Eine der ersten Neuanschaffungen wird wohl ein professionelles Mikroskop: Dr. Annett Pielsticker vom Soroptimist-Club Bensheim/Heppenheim kündigte an, das Gerät zeitnah zur Verfügung zu stellen. Die Förderung von Mädchen und jungen Frauen in der Region liege dem weiblichen Service-Netzwerk besonders am Herzen.

BA, 28.02.2019