Zwischen Roman und Realität

19.05.2026

Zwischen Roman und Realität
Virtueller Austausch mit einem Klimaanpassungsexperten aus Ruanda

Was bleibt von einem Roman, wenn das Buch zugeklappt wird? Oft beginnt genau dann das eigentliche Nachdenken. So erging es auch den Schülerinnen des Französisch-Grundkurses Q2 an der Liebfrauenschule Bensheim.

Im Rahmen der Unterrichtseinheit Francophonie beschäftigte sich der Kurs mit dem Roman Petit pays von Gaël Faye. Das bewegende Buch erzählt die Geschichte des Jungen Gabriel, der in Burundi aufwächst und die politischen Spannungen sowie den Genozid in Ruanda miterlebt. Viele Szenen, Gedanken und Gefühle aus dem Roman beschäftigten die Schülerinnen noch lange über den Unterricht hinaus.

Umso besonderer war deshalb das virtuelle Treffen, das Frau Benner für den Kurs organisiert hatte. Mit Martin Rokitzki war ein Gesprächspartner eingeladen, der heute selbst in Kigali lebt und arbeitet. Als Gründer und Managing Director von PlanAdapt beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Themen wie Klimaanpassung, nachhaltiger Entwicklung und internationaler Zusammenarbeit in verschiedenen afrikanischen Ländern.

Schon nach wenigen Minuten war spürbar, dass dieses Gespräch anders sein würde als ein klassischer Unterrichtsvortrag. Martin Rokitzki sprach offen, persönlich und sehr lebendig über seinen Alltag in Ruanda. Er erzählte von der Atmosphäre in Kigali, von Begegnungen mit Menschen, von gesellschaftlichen Entwicklungen und davon, wie sehr sich das Land in den vergangenen Jahren verändert hat. Dabei ging es auch um die Frage, wie Ruanda mit seiner eigenen Vergangenheit umgeht, welche Bedeutung Erinnerung und Versöhnung haben und welche Rolle Vergebung in einer Gesellschaft spielen kann, die so tiefe Verletzungen erlebt hat. Auch die Frage, wie Gesellschaften nach schweren historischen Erfahrungen wieder zusammenfinden können, führte zu spannenden Gedanken und Vergleichen mit der deutschen Geschichte und dem Umgang mit Erinnerungskultur.

Für die Schülerinnen wurde Ruanda dadurch plötzlich greifbar. Aus einem fernen Ort aus dem Schulbuch wurde ein reales Land mit Menschen, Ideen, Herausforderungen und Zukunftsperspektiven. Viele nutzten die Gelegenheit, um Fragen zu stellen, die weit über den Unterricht hinausgingen. Wie lebt man in Kigali? Welche Chancen und Herausforderungen prägen den Alltag? Wie groß sind die Unterschiede zum Leben in Deutschland und welche Gemeinsamkeiten gibt es vielleicht trotzdem?

Besonders interessant fanden viele Schülerinnen auch die persönliche Entscheidung von Martin Rokitzki, dauerhaft in Ruanda zu leben. Er sprach darüber, warum ihn das Land geprägt hat, weshalb er sich dort zuhause fühlt und warum er sich vorstellen kann, auch in Zukunft dort zu bleiben. Gerade diese persönlichen Einblicke machten das Gespräch für viele besonders nahbar und authentisch.

Besonders eindrucksvoll war für viele Schülerinnen, wie differenziert Martin Rokitzki über Afrika sprach. Schnell wurde deutlich, dass es „das eine Afrika“ nicht gibt. Statt vereinfachter Bilder entstand ein vielschichtiger Eindruck eines modernen und dynamischen Landes, das sich mit großen Herausforderungen ebenso beschäftigt wie mit Innovation, Bildung und Zukunftsfragen.

Der Austausch zeigte eindrucksvoll, wie lebendig Unterricht sein kann, wenn Begegnungen möglich werden. Literatur blieb nicht nur Analyse auf Papier, sondern wurde Ausgangspunkt für echte Gespräche und neue Perspektiven. Genau solche Momente machen Schule lebendig. Sie schaffen Nähe zu Themen, die zunächst weit entfernt erscheinen, und laden dazu ein, die Welt mit offenen Augen zu betrachten.

Für die Schülerinnen war es deshalb weit mehr als eine Unterrichtsstunde. Es war eine Begegnung, die nachwirkt.
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